“My home is my castle” – diesen Satz bekam ich als Antwort auf die Frage, warum sich ein Schulkind keine Übernachtungsgäste einlädt. So geht es wahrscheinlich auch vielen Erwachsenen, besonders Menschen, die im allgemeinen als sehr empathisch und sozial gelten: Sie möchten eigentlich in ihrem Zuhause niemand anderen hören und sehen.

Die Psychologie bezeichnet solche Menschen als “high sensitive persons”. Hinter diesem Begriff versteckt sich kein Krankheitsbild, sondern vielmehr die Definition eines Personenkreises (etwa 15% der Bevölkerung), dessen Sinne auf Reize viel intensiver reagieren als der Durchschnitt.  Bei ihnen sind die Empfangskanäle für Geschehnisse in der Umwelt nahezu immer offen. Außderdem sind sie hoch empathisch und nehmen jede Gefühlsregung des Gegenübers war. Es werden also viel mehr Reize aufgenommen und verarbeitet, als beim Durchschnitt. Nur zu verständlich, das man dann am Ende des Tages in den eigenen vier Wänden einfach seine Ruhe haben will.

Oft ist es so, das diese feinfühligen Menschen gelernt haben im Alltag recht passabel zurecht zu kommen. Wenn sie dann den Fuß in ihr Zuhause setzen fällt die ganze Last schlagartig von ihnen ab. Der Geist jubelt: Endlich keine neuen Eindrücke mehr, endlich nicht mehr kommunizieren müssen. Nun heißt es Eindrücke verdauen und Aufatmen.

Was dann allerdings passieren kann ist, dass nun der völlige Zusammenbruch kommt: Vielleicht hat man sich selbst unwissentlich über Monate überlastet – die Nerven liegen eigentlich schon lange blank – und dann kommt mit dem Betreten der Wohnung das große Loslassen – plötzlich tritt die Erschöpfung offen hervor. Man fühlt sich leer, hält die Ruhe nicht aus, versucht erfolglos sich zu beschäftigen oder eine “sinnvolle” Tätigkeit auszuüben und bricht unvermittelt in Tränen aus.

Und dann kommt womöglich die Überlegung: “Ich fühle mich zuhause nicht wohl, wenn ich weg gehe geht es mir besser…” Ja, natürlich geht es dann besser, weil mit dem verlassen der Burg sofort eine unbewusste Anspannung da ist, die dafür sorgt, dass die Überlastung weggedrückt wird. Und so sitzt unsere hochsensible Person in einem Teufelskreis. Sie fühlt sich zuhause nicht wohl, weil sie sich bis an den Rand der Erschöpfung belastet hat und flüchtet vor dem Zusammenbruch in neue Aktivität.

Ich nenne dieses Empfinden den “My-home-is-my-castle-Effekt”. So hat der seelische Zusammenbruch in den meisten Fällen nichts damit zu tun, dass das Zuhause nicht als Zufluchtsort empfunden wird. Eher ist es so, dass dieser Effekt auftritt WEIL das Zuhause der perfekte Rückzugsort ist. Nur in der geschützten Umgebung der eigenen vier Wände kann ein feinfühliger Mensch wirklich loslassen. Und dann steigen die Erschöpfung und Überlastung, die vor den anderen so gut kaschiert wurden, unvermittelt aus dem Innersten auf.

Was ist zu tun?

Zunächst das Eingeständnis das es so ist: “Ja, ich habe mich überlastet, die letzten Wochen/Monate waren wirklich zu viel für mich. Es tut mir leid, dass ich nicht besser auf meine Bedürfnisse gehört habe.” Und dann ist es völlig in Ordnung sich für eine Weile zurückzuziehen.

Dann hilft es, sich mit einem kleinen Ritual oder einer besonderen Atemübung von dem angestauten Druck zu befreien.
Und um zukünftig nicht wieder in die Überforderungsfalle zu tappen, ist es wichtig sich rechtzeitig abzugrenzen. Zum Beispiel tagsüber kleinere Rückzüge und Loslass-Rituale einzubauen.

 

My home is my castle.
Mein Haus ist meine Burg.

Edward Coke (1552 – 1634), englischer Jurist und Politiker


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